
Trachtengilde
Schwalenberg / Lippe e.V. von 1912
Diese Chronik wurde erstellt von Willy Drüke
Ehrenvorsitzender der Trachtengilde Schwalenberg/ Lippe v. 1912
In der Zeit um 1910 kam in der Ortsgruppe des Lippischen Bundes für Heimatschutz
und Heimatpflege Schwalenberg, unter der Leitung des Pastors Alexander Zeiß, der
Gedanke auf, die alten lippischen Trachten, wie sie in der Vorzeit bestanden,
wieder zu erstellen.
Eine eifrige Suche, auch in anderen Gegenden Lippes, nach vorhanden Resten der
alten Trachten setzte ein. Fotografien um 1910 mit jungen Frauen der
Schwalenberger Spinnstube und Bilder von den Heimatfestspielen von 1906 und 1908
zeigten u.a. Akteurinnen in trachtenähnlicher Kleidung, bei denen die
Spitzenhäubchen mit den heutigen Hauben noch fast identisch sind.
Aus Truhen und Schränken kamen nun einzelne, wohlgehütet Erbstücke der alten
Trachten zum Vorschein.
Nach den alten Bildvorlagen sowie weiteren Studien ließen Pastor Alexander Zeiß
und seine Mitarbeiter daraufhin die Trachten in der kunstgewerblichen Werkstatt
Martha Lohmeyer in Detmold als Modell entstehen.
Durch Verhandlungen des Pastors Alexander Zeiß und der Kunstgewerblerin Martha
Lohmeyer mit Herrn Martin Filter, Fabrik für Theaterkostüme in Paderborn, zeigte
sich diese bereit nach den Modellen die Trachten zu erstellen und sie ihrem
großen Fundus zuzuführen. Diese Trachten basieren auf der historisch,
wissenschaftlichen begründeten Rekonstruktion von Pastor Alexander Zeiß und sind
seit dieser Zeit als Schwalenberger Tracht bekannt geworden.
Die Firma Filter stellte die Trachten gegen geringes Entgeld dem „Löblichen
Festausschuss der vaterländischen Volks- und Heimatspiele in Schwalenberg“
anschließend zur Verfügung.
Zum Festakt „Grafenhuld und Bürgertreu“ benötigte der Festausschuss der
„Vaterländischen Volks- und Heimatspiele Schwalenberg 1912“ insgesamt
einhundertsiebenundzwanzig Kostüme aus dem Fundus der Firma Filter. Darin waren
zum erstenmal die neu entstandenen 16 Damen und 16 Herrenkostüme der
Trachtengruppe enthalten. Lt. Rechnung des Jahres 1912 der Firma Filter betrug
die Leihgebühr 5,- Mark pro Tracht.
Die Firma Filter, Paderborn, anwesend Herr Martin Filter, und der Ausschuss der
Heimatfestspiele Schwalenberg, anwesend Fräulein Martha Lohmeyer, schließen am
8.April 1929 einen Vertrag in dem unter anderem steht:
- Das geistige Eigentum (Trachten)
steht ausschließlich dem Ausschuss für die Heimatfestspiele
in Schwalenberg zu.
- Trachten können von der
Firma Filter nur vom Ausschuss gegen Entgeld geliehen werden.
Um nun nicht nur die rekonstruierten Trachten zu tragen und auszuführen wurden
daher auch althergebrachte Tänze und die dazu passende Tanzmusik gesucht.
Die fast 80-jährige Frau Christine Röhne und Frau Wöhning
No. 59, die beide alte Tänze aus ihrer
Jugend kannten waren bei der Erstellung und Einstudierung eine große Hilfe.
In monatelanger Arbeit studierte der Amtsmusiker August Röhne, Musik und Tänze,
die er auch aus seiner Notensammlung ausgegraben hatte, mit der Gruppe ein. Mit
Spaß, Fleiß und Ausdauer gelang es ihm die neuen Tänzer und Tänzerinnen zu
motivieren.
Der Tischlermeister Heinrich Schulze, Alte Torstr., übernahm die Leitung der
Gruppe und Heinrich Tippenhauer, Am Klingenberg, wurde Tanzmeister.
Die ersten öffentlichen Auftritte der Tanz- und Trachtengruppe mit sage und
schreibe 16 Tanzpaaren fanden bei den Festspielen am 28. Juli, am 4. und am 11.
August 1912 statt.
Die Festmusik übernahm der Amtsmusiker August Röhne mit seiner siebenköpfigen
Kapelle.
Lt. Beleg No. 27 vom 13.August 1912 betrugen die Zuschauerzahlen am:
28. Juli 1912
496 Besucher
04. August 1912 534 Besucher
11. August 1912 819 Besucher
Da Tanzen bekanntlich durstig macht bestellten sich die Tänzer und Tänzerinnen
auf Kosten des Festausschusses Getränke. Beim Überprüfen der Rechung schrieb der
Prüfer „Postverwalter Kleinsorge“ unter dieselbe „bewilligt“
aber
Beschluss des Festausschusses:
Künftig wollen der Herr Wirt sich die Runden vom Besteller bezahlen lassen.
In den Jahren 1912-1924-1929-1934-1951 trat die neugegründete Tanz- und
Trachtengruppe als Mitgestalter bei den Schwalenberger Heimatfestspielen auf.
In den Festzeitschriften steht u.a. auf dem Programm:
1924 und 1929:
III: Alte Volkstänze in lippischer,
wiederhergestellten Tracht
1. Marschier Kardöge
2. Alt Schwalenberger Brauer-Eksäse (Tanz der Schwalenberger
Brauer-Inung)
3. Kegel
4. Da Achttourige
1951:
2. Alt Schwalenberger Brauer-Eksäse (Tanz der Schwalenberg Brauer-Gilde)
Im Jahr 1934 wurden die letzten Trachten von der Firma Filter ausgeliehen. Der
Heimatschutz- und Verkehrsverein hatte beschlossen vereinseigene Trachten
anzuschaffen.
Von 1934 - 1938 fuhr die Trachtengruppe zu dem jährlich stattfindenden großen
nationalen Erntedankfest zum Bückeberg.
Im Jahr 1937 fand die erste Auslandsfahrt statt. Vier Tage in den Niederlanden.
Auf Einladung des niederländischen Königshauses brachte die Schwalenberger Tanz-
und Trachtengruppe, am 29.Juni 1937 vor der Kronprinzessin Juliane und ihrem
Gemahl, dem Prinzen Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, anlässlich seines
Geburtstag, die heimatlichen Tänze und Gesänge auf der Kurhausterrasse zu
Scheveningen dar.
Ein unvergessliches Erlebnis war die Ankunft in den Niederlanden. Vor der Stadt
Doetinchem nahmen drei Herolde zu Pferde die Schwalenberger Tanz- und
Trachtengruppe in Empfang, geleiteten sie zum Marktplatz, wo sie durch den
Doetinchemer Bürgermeister begrüßt wurden. Als Geschenk der Stadt an die
Schwalenberger wurde ein runder Käse mit Bändchen in den holländischen und
lippischen Farben überreicht.
Trachtenvater Heinrich Schulz war über die Gastfreundschaft der Niederländer so
überwältigt, dass er akribisch genau die Erlebnisse dieser Fahrt aufgeschrieben
hat.
Während des Krieges 1939 - 1945 setzte sich die Gruppe im umliegenden Raum zur
Verwundetenbetreuung ein.
Im Jahr 1945 verbot die alliierte Militärregierung alle Vereine und deren
Tätigkeiten. 1947 wurde dieses Verbot wieder aufgehoben.
Eine rege Neugründung der Vereine fand statt. Die Tanz- und Trachtengruppe nahm
diesmal unter der Regie von Heinrich Tippenhauer ihre Tätigkeit wieder auf.
Kapellmeister August Röhne stellte sich wie in der Vorzeit bei den Übungsabenden
als Solist und bei Festlichkeiten mit seiner Kapelle zur Verfügung. So können
auch wieder die alten Melodien zu den althergebrachten Tänzen erklingen.
1951 wurde das bis jetzt letzte Heimatfest unter der Federführung des
Heimatschutz und Verkehrsvereins durchgeführt. Antreibender Motor der
Festlichkeit war Heinrich Schulze. Trotz regen Zuschauerbesuches blieb unter dem
Strich nicht viel Geld übrig.
Die Anschaffungskosten der Tribüne, Kulissen, Kostüme, Reklame, Handwerkskosten
sowie der Regie zehrten die erwirtschafteten Summen auf (Restbetrag im Plus
88,90 DM). Die Akteure aus der Schwalenberger Bevölkrung stellten sich
ehrenamtlich zur Verfügung.
Nach dem Heimatfest 1951 übernahm Heinrich Schulze als Vorsitzender die Führung
der Tanz- und Trachtengruppe. Heinrich Tippenhauer übernahm den Posten des
Tanzmeisters, den er bereits seit 1912 ausgeführt hatte.
Die Tanz- und Trachtengruppe welche seit 1912 als lose Vereinigung bestand,
wünscht sich auf der Generalversammlung des Heimatschutz und Verkehrsvereins, am
26.Januar 1957, eine selbstständige Geschäftsführung. Der Antrag wurde
einstimmig angenommen und der geschäftsführende Vorstand gewählt.
Heinrich Schulze ist 1. Vorsitzender.
Die Tanz- und Trachtengruppe lässt sich am 25.Juli 1958 in das Vereinsregister
des Amtsgericht Blomberg eintragen:
A.R / 58 Blomberg.
Durch die eigenständige Geschäftsführung kommen nun die erwirtschafteten Gelder
nicht dem Verkehrsverein, sondern voll der Trachtengruppe zu Gute. Die
Zusammenarbeit mit dem Heimatschutz- und Verkehrsverein bleibt aber erhalten.
In den folgenden Jahren setzt ein gewaltiger Aufschwung und Gründung von
Volkstanz- und Trachtengruppen nicht nur im lippischen Raum ein.
Um sich von der Vielzahl der neugegründeten Trachtengruppen namentlich
abzusetzen wurde auf der Versammlung der Schwalenberger Tanz- und Trachtengruppe
im Jahr 1965 zum erstenmal von Willy Drüke der Antrag gestellt den Namen
„Trachtengruppe“ in „Trachtengilde“
abzuändern. Der Antrag wurde aber zunächst zurückgestellt.
Auf der Generalversammlung im Jahr 1967 wurde der Antrag von Reinhold Ehlert
erneut gestellt. Zwei Ausführungen standen nun zur Wahl
„Brauergilde“ oder „Trachtengilde“.
Der mittlerweile zum Ehrenvorsitzende gewählte „Trachtenvater“ Heinrich Schulze
und das Ehrenmitglied Heinrich Tippenhauer, beide Gründungsmitglieder der Tanz-
und Trachtengruppe von 1912, befürworteten in Anlehnung an die Tradition der
Schwalenberger „Brauergilde von 1661“ die Namensgebung
„Trachtengilde“
Die Abstimmung über die Namensgebung brachte nach dem Votum der „Alten“ ein
überzeugendes Wahlergebnis.
Der neue Name
„Trachtengilde Schwalenberg/ Lippe e.V.“
war geboren.
Nach den Ausführungen von Heinrich Schulze und Heinrich Tippenhauer wurde
ebenfalls eine neue Legende der Schwalenberger Trachtengilde erstellt. Diese
wurde auf Grund von angestellten Forschungen über die Schwalenberger „Brauzunft
von 1661“ anschließend niedergeschrieben.
Die Vereinssatzung vom 12.April 1958 wird in § 1 wie folgt geändert:
Der Verein führt den Namen „Trachtengilde Schwalenberg/ Lippe e.V.